Unser Herbst-Salonik

9. November – an so einem Tag einen Salonik feiern? Der Termin schien uns zunächst eine Entweder-Oder-Situation zu bescheren: Entweder würden wir zu leichtfertig mit diesem Jahrestag umgehen. Wir würden möglicherweise mit unseren Kindern lachend das Gewicht der um uns herum stattfindenden Denk- und Gedenk-Veranstaltungen anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Mauerfalls übergehen. Oder aber wir würden zu viel Schwere einziehen lassen. Möglicherweise würden wir unseren kleinen Kreis mit unseren Rückblicken in die Vergangenheit dominieren und vielleicht sogar unnötig belasten.

Natürlich kam es ganz anders. Denn das Entweder-Oder ist nicht unser liebstes Terrain. Wir umschifften es, indem wir assoziierten, was wir zuletzt entlang des Berliner Mauerweges erstaunlich und gern gefunden hatten: ziółka. Einen himmlischen Wildwuchs, der sich einfach spazierend mitnehmen ließ, der duftete, und Lust machte auf einen wohltuenden Teeaufguss zu Hause.

Und wie gerufen lag damit eine ältere Idee auf dem Tisch, nämlich einen Salonik zum Thema Tee zu veranstalten. War das nicht schon seit Monaten ohnehin beschlossene Sache?! Wir hatten im Jahr zuvor im „Tee-Saloniki“ griechische Bergkräuter mit Kastanienhonig genossen und uns über den so überaus sympathischen kleinen Laden unweit des buchbunds gefreut, der auch noch unser Namenspartner war. Nichts könnte besser zusammenpassen als unsere samstäglichen Saloniki und der Tee-Saloniki.

Der November näherte sich spürbar, und die Vorstellung, in vertrauter Runde gemeinsam Tee zu trinken, so versicherten wir uns, konnte einfach nicht falsch sein. Mauertag hin oder her. „Ich habe unterwegs doch keine frische Minze mehr bekommen“; „Bringe noch herbatniki mit“, lauteten die smse, die ich wenige Minuten vor unserem Salonik las. Im buchbund dann gutgelaunte bekannte Gesichter, einige habe ich schon viele Monate lang nicht gesehen.

Ja, wir lachten dann viel bei unserem Tee-Salonik. Klar freuten wir uns mit darüber, dass die Kinder ihre eigenen Tee-Mischungen kreierten, um sie später in kleinen Beutelchen nach Hause zu tragen. Und ja: ich genoss es sogar, die Tee-Kanne hochzuheben, als schon ein Kind rief: „czajniczek“, und zu fragen: „a gdzie jest uszko?“, „a gdzie jest dziobek?“ – um dann mit Klein und Groß in den Refrain einzustimmen: „bul bul bul, bul bul bul…“.

Und spät abends, als ich wieder allein am Schreibtisch saß, griff ich den Bildband von Leo Lionni mit dem Titel „Tillie und die Mauer“. Ich hatte ihn den Kindern eigentlich vorlesen wollen, es dann aber vergessen. Der Salonik wurde kein Mauer-Salonik, sondern ein Tee-Salonik. Ich blätterte versonnen in dem schönen Band, und dachte an die Bilder des Nachmittags zurück, an das gemeinsame Teetrinken. Tee kann man wie im Urlaub zelebrieren, wie in einer Oase, man kann sich damit eine Nische der Erholung schaffen. Aber zurückgezogen, fern abgetaucht fühlte sich das gar nicht an, dachte ich, und schlief bald ein. So gut wie schon lange nicht mehr.

K.B.